„Nur schön ist langweilig” von Karoline Pilcz

 

Thomas Acker, Bogenbauer mit Intuition und persönlichem Stil

 
Von Erlangen aus ist es nicht weit ins benachbarte Bubenreuth, wo der Streich- und Zupfinstrumentenbau immer noch einen breiten Raum des Wirtschaftslebens einnimmt. Und so kam der junge Thomas Acker, der sich für Holzbau interessierte, von seiner Heimatstadt Erlangen hierher, um als Lehrling in einem Betrieb, der Bögen für Streichinstrumente herstellt, anzufangen. 

Eigentlich, so sagt er lächelnd, war es nicht sein ursprünglicher Plan, Bogenbauer zu werden, er, der nicht aus einer Umgebung stammt, die es mit klassischer Musik und Musikkultur hält. Man mag von Zufall sprechen, daß Thomas Bogenbauer wurde, oder von Schicksal. Und ich stelle mir vor, daß es eine Herausforderung gewesen ist, sich auf eine völlig neue Materie einzulassen. Nicht nur auf Material und das Aneignen handwerklicher Geschicklichkeit und Können, sondern auf die Welt der Streichinstrumente, die Welt der Musik, der Komponisten, Musiker, mitsamt ihrer Traditionen und Geschichten. Ein Geigenbogen ist schließlich kein beliebig gefertigtes Holzteil. Genausowenig ist er lediglich ein handwerkliches Produkt, sondern vielmehr auch ein künstlerisches, das Saiten zum Klingen bringt, Musik zum Leben erweckt. Das, um es pathetisch auszudrücken, eine Seele besitzt. Und in das, wenn man so will, der Bogenbauer seine eigene Seele einarbeitet. Thomas, der, nebenbei bemerkt, mittlerweile nahezu ausschließlich klassische Musik hört und selbst Cello spielt, drückt es so aus: „Man wird immer mehr zu dem, was man tut!“ 

Was er tut, tut er mit voller Begeisterung und Freude. Das beweisen nicht nur die Bögen von seiner Hand, sondern auch seine leuchtenden Augen, wenn er, aufgefordert und befragt, von seiner Arbeit erzählt. Strahlend und doch voller Bescheidenheit. Überhaupt scheint er nicht unbedingt jemand zu sein, der viel redet, sondern ein Mensch, der intuitiv erfaßt und spürt. Um Spüren und Gespür geht es auch in seinem Beruf: Das beginnt bei der Auswahl und Beschäftigung mit dem Holz, und geht über die Bearbeitung des Materials bis zu dem gefühlsmäßigen Erfassen, welcher Bogen für welchem Musiker geeignet ist. 

Thomas baut Bögen ausschließlich in Einzelanfertigung. In Serie stellte er sie lediglich in dem Betrieb her, in dem er einst Teile seiner Ausbildung absolviert hatte. So lerne man, im Fluß zu arbeiten, sagt er. Aber diese Zeit, in der er dreißig bis vierzig Bögen pro Monat entstehen gesehen hat, ist vorbei. Jetzt baut er im Schnitt drei Bögen pro Monat, weder Serien noch Kategorien, sondern wirkliche Einzelstücke, die hin und wieder, vor allem, wenn gewünscht, von den sogenannten schulischen Vorgaben in Bezug auf Norm-Maße abweichen. Thomas hat eindeutig Interesse an Sachen, die aus dem Rahmen fallen, und außerdem, meint er, mache er nur, was ihm gefällt. Insofern besitzen seine Bögen vor allem Persönlichkeit und Stil. Der Begriff „Schönheit“ fällt mir dazu spontan ein, obwohl die Bögen nicht einfach nur schön sind – denn das wäre, so Thomas, ja auch langweilig. Nein, sie besitzen das gewisse Etwas, Feinheiten in der Formgebung, die auf ihren Bauer hinweisen. So bricht er etwa die Kanten des Ebenholzes des Frosches, was als eher untypisch zu bezeichnen ist, aber durchaus seinen optischen Reiz hat, ganz abgesehen davon, daß es für den Daumen angenehmer ist. Die Frösche sind abwechselnd Silber oder Gold montiert, oft finden sich hier künstlerische Spielereien, Intarsien oder Verzierungen, ganz wie es ihm, dem Bauer, oder natürlich dem Auftraggeber des Bogens gefällt. 

Wie die meisten seines Faches verwendet Thomas Fernambuk-Holz, jenes Holz, das aus den Wäldern entlang der brasilianischen Atlantikküste stammt und sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts als das für den Bogenbau ideale Material schlechthin durchgesetzt hat. Da der Handel mit Fernambuk zur Zeit problematisch ist, lagern in Thomas’ Keller einige Kubikmeter des kostbaren Materials. Farbe und Gewicht des Holzes lassen ihn bereits zu Beginn der Arbeit ahnen, was für eine Art von Bogen es werden könnte und wie lange die Arbeitszeit betragen wird. Wer mit Thomas über seine Arbeit, vielmehr über seine Passion spricht, spürt seine tiefe Verbundenheit zu dem Rohmaterial, das durch seine Feinporigkeit nahezu von selbst spiegelt. 

Jeder, der bei Thomas einen Bogen in Auftrag gibt oder fertig kauft, kann sicher sein, daß er ein Stück erhält, das ihm auf den Leib geschneidert ist. Am besten schaut man bei ihm in seiner Werkstatt in Erlangen vorbei oder trifft ihn auf Ausstellungen. Er sieht sich dann den Bogen an, auf dem der Musiker zur Zeit spielt, spricht mit dem Instrumentalisten, ob er mit dem alten beziehungsweise aktuellen Bogen zufrieden ist, was er eventuell anders haben möchte. Außerdem wirft er einen genauen Blick auf den Musiker. Es geht um das Beobachten des Spiels, die individuelle Bogenhaltung, das Erfassen, wie der Musiker mit dem Instrument umgeht, mit der Musik, mit der eigenen Persönlichkeit. Dann weiß Thomas sehr schnell, was der Kunde möchte beziehungsweise braucht. Ich als Außenstehende wage dies zu behaupten, da die Zufriedenheit seiner Kunden für sich spricht. 

Während der rund dreißig Jahre, in denen er bereits Bogen baut, hat sich Thomas nicht nur Erfahrung und Fertigkeit angeeignet, sondern etwas äußerst Spezielles und Schönes, etwas, das zwischen ihm, dem Material, der Bearbeitung und dem fertigen Bogen besteht. Ich möchte sagen, eine Art Liebesverhältnis. 

 
Karoline Pilcz
www.karolinepilcz.com